Der neue Fußball-Wettskandal hat riesige Dimensionen: Rund 200 Spiele sind betroffen, darunter 32 deutsche und drei Champions-League-Partien. Es ist der größte Wettskandal in Europas Fußball. Von Gregor Derichs, Bochum

Größter Skandal überhaupt: Peter Limacher, der Uefa-Spezialist für den Kampf gegen Wettbetrug© Volker Hartmann/DDP
Die Europäische Fußball-Union (Uefa) spricht geschockt vom größten Wettskandal in ihrer Geschichte. Auch dem Fußball in Deutschland steht damit ein neuer Skandal mit der wahrscheinlichen Manipulation zahlreicher Spiele ins Haus, der die sogenannte Hoyzer-Affäre von Anfang 2005 bei weitem in den Schatten stellt. "Die Uefa ist äußerst erschrocken, wie groß die Ausmaße sind", sagte Peter Limacher von der Uefa-Disziplinarabteilung am Freitag. Auch die Staatsanwaltschaft Bochum bezeichnet die Größenordnung für den deutschen Sport als "unvergleichlich". Das Ausmaß der organisierten Kriminalität in dem Fall sei immens, sagte ein Ermittler. Die Behauptung vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL), der deutsche Fußball sei nur am Rande tangiert, trifft offenbar nicht zu. Im Gegenteil: Deutschland ist möglicherweise sogar der Ausgangspunkt der Betrügereien.
Die Polizei vollstreckte am Donnerstag 15 Haftbefehle und führte mit dem Einsatz von 300 Beamten 50 Durchsuchungen in Deutschland durch, bei denen umfangreiches Beweismaterial gesichert wurde. Auch in der Schweiz, Großbritannien und Österreich wurde die Polizei aktiv, in der Schweiz erfolgten zwei Festnahmen. Insgesamt werden laut den Bochumer Ermittlungsbehörden 200 Personen verdächtigt, 200 Spiele in Europa seien betroffen, bei denen konkret der Verdacht besteht, dass es zu versuchten oder vollendeten Manipulations- oder Betrugshandlungen gekommen ist. Davon entfallen 32 Spiele in den Bereich des DFB, 28 Partien in der Schweiz sind betroffen, 29 in der Türkei. Darüber hinaus wurden mutmaßlich Spiele in Belgien, Kroatien, Ungarn, Österreich, Bosnien und Slowenien verschoben.
Eine besondere Brisanz steckt in der Tatsache, dass "mindestens zwölf Spiele der Europa League und drei Spiele der Champions League" hinzukommen, wie die Staatsanwalt und die Polizei Bochum mitteilten. Bei allen Spielen handelt es sich um Begegnungen aus diesem Jahr, teilweise sogar aus der laufenden Saison. Die Verunsicherung, welche Begegnungen verschoben sein könnten, werden in den kommenden Tagen und Wochen viele Diskussionen und Debatten auslösen.
Und "alte Bekannte" scheinen involviert zu sein. Zu den festgenommen gehört nach Angaben seiner Mutter auch Ante Sapina, der zusammen mit seinen Brüdern Milan und Filip am Skandal um den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer vor fünf Jahren maßgeblich beteiligt war und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.
Die bisher bekannte "Schadensumme" betrage rund zehn Millionen Euro, sagte ein leitender Beamter der Bochumer Polizei. "Aber dieses Gesamtvolumen ist nur die Spitze eines Eisbergs. Das tatsächliche Volumen wird um sehr viel höher liegen", sagte Friedhelm Althaus. Die umfangreichen Untersuchungen, die sich auf das sichergestellte Material stützen, würden längere Zeit in Anspruch nehmen.
Den Tätern wird vorgeworfen, seit Beginn des Jahres 2009 Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle von Vereinen bestochen zu haben. Gegen Bezahlung sollen diese den Ausgang und Verlauf von Spielen im Interesse der Täter beeinflusst haben. Die wiederum setzten hohe Bargeldbeträge auf den Ausgang der manipulierten Spiele bei europäischen und asiatischen Wettanbietern. Aus den kriminell erwirtschafteten Gewinnen wurden die beteiligten Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offiziellen entlohnt. "Auf diese Weise erlangte die Täterorganisation Wettgewinne in Höhe von mehreren Millionen Euro", heißt es in einer Erklärung von Staatsanwalt und Polizei.
Im November 2008 waren die Ermittler über abgehörte Telefongespräche in der Rotlichtszene im Ruhrgebiet auf die Betrügereien aufmerksam geworden. In Deutschland wurden jetzt, ein Jahr später, 15 Haftbefehle vollstreckt. Den Tätern drohen für gewerbsmäßigen Bandenbetrug Freiheitsstrafen von mindestens einem Jahr. Mehr als 50 Durchsuchungsbeschlüsse in sechs deutschen Bundesländern sowie der Schweiz, Österreich und Großbritannien wurden vollzogen. Zwei weitere Festnahmen erfolgten in der Schweiz. Es wurden Bargeld und Vermögenswerte in Höhe von mehr als einer Million gesichert. Die Schadenssumme ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft aufgrund des Systems der Betrüger schwer zu bemessen. Sie soll bei etwa 10 Millionen Euro liegen.
Laut Staatsanwaltschaft ist davon auszugehen, dass sich sowohl die Zahl der Tatverdächtigen als auch die Anzahl der betroffenen Spiele durch weitere Ermittlungen erhöhen wird. Aus ermittlungstaktischen Gründen werden zur Identität der beteiligten Personen sowie der betroffenen Mannschaften derzeit keine Auskünfte erteilt. Schwerpunkte der mutmaßlichen Betrüger waren Berlin, Nürnberg und das Ruhrgebiet. Medienberichten zufolge gehören in Berlin die Brüder Ante und Milan Sapina zu den Festgenommenen. Sie waren vor knapp fünf Jahren bereits in den Wettskandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer verwickelt. Beide Brüder wurden später verurteilt, Ante Sapina musste sogar ins Gefängnis - ebenso wie Hoyzer. Sie sollen auch diesmal auf dem Wettlokal "Café King" heraus gearbeitet haben.